Älter werden
Ist das Werk vollbracht, dann sich zurückziehen. Das Schwerste am Älterwerden ist das Aufhören.
Kapitel 9 endet mit einem Satz, der wie eine Lebensregel klingt und doch viel kleiner gemeint ist: Ist das Werk vollbracht, dann sich zurückziehen — das sei die Art des Himmels. Davor stehen drei Bilder des Zuviel: ein Gefäß, das man über den Rand füllt; eine Klinge, die man immerzu scharf hält; ein Saal voller Gold, den niemand bewachen kann.
Kapitel 55 sagt den unbequemen Teil: Sind die Dinge stark geworden, altern sie.
Worum es geht
Kapitel 9 handelt nicht vom Ruhestand. Es beschreibt eine Bewegung, die sich im Leben tausendmal im Kleinen wiederholt: etwas ist fertig, und man geht weg. Das Gespräch ist gesagt, die Aufgabe erledigt, die Rolle ausgefüllt.
Wer das im Kleinen nie geübt hat, dem fällt es im Großen schwer. Dann wird das Aufhören ein einziges Ereignis, dem man ausweicht, bis es einem abgenommen wird — durch den Körper, durch andere, durch die Umstände.
Das Alter ist in diesem Buch kein Verfall, sondern die Richtung, in die alles Starke ohnehin läuft. Die Frage ist nicht, ob man weicher wird, sondern ob man sich dagegen stemmt.
Eine Übung für diese Woche
Eine Sache zu Ende bringen und weggehen. Such dir in dieser Woche eine einzige Sache, die eigentlich fertig ist — ein Projekt, eine Zuständigkeit, eine Gewohnheit, ein Amt im Verein. Erkläre sie ausdrücklich für abgeschlossen. Sag es jemandem.
Dann beobachte, was in dir dagegen spricht. Meist ist es nicht die Sache selbst, sondern das, was das Weitermachen über dich aussagt. Genau darum geht es in Kapitel 9.
Zum Nachdenken
- Welche Rolle füllst du aus, weil du nicht weißt, wer du ohne sie wärst?
- Wo hältst du eine Klinge scharf, die längst niemand mehr braucht?
- Wann hast du zuletzt freiwillig aufgehört, statt aufhören zu müssen?