Krank sein
Der Körper verhandelt nicht. Krankheit ist die Stelle, an der Wu Wei aufhört, eine Theorie zu sein.
Kapitel 55 beschreibt ein neugeborenes Kind: Seine Knochen sind schwach, seine Sehnen weich, und doch greift es fest zu. Es schreit den ganzen Tag, ohne heiser zu werden. Dann folgt der Satz, um den es hier geht: Für sein Begehren seine Kraft einsetzen nennt man stark. Sind die Dinge stark geworden, altern sie.
Kapitel 76 stellt Hartes und Starres auf die Seite des Toten, Weiches und Schwaches auf die Seite des Lebendigen.
Worum es geht
Über Krankheit wird fast nur in Kampfsprache geredet: bekämpfen, besiegen, sich nicht unterkriegen lassen. Das Daodejing kennt diese Sprache nicht. Ein Körper, der heilt, tut das nicht, weil jemand ihn antreibt.
Das ist kein Argument gegen Behandlung — Medikamente nehmen, zur Ärztin gehen, eine Therapie durchziehen, all das ist genau das Handeln, das der Sache angemessen ist. Gemeint ist die Haltung daneben: der Teil, in dem man gegen den eigenen Zustand anrennt, Termine hält, die nicht zu halten sind, und die Genesung wie ein Projekt mit Frist führt.
Das Kind in Kapitel 55 ist stark, ohne stark sein zu wollen. Wer krank ist, hat keine Wahl, weich zu sein. Der einzige Spielraum liegt darin, ob man es freiwillig tut.
Eine Übung für diese Woche
Jeden Tag eine Sache streichen. Nicht eine zusätzliche Maßnahme, kein weiterer Ratschlag, keine neue Ergänzung — eine Streichung. Ein Termin, eine Zusage, eine Erledigung, die du dir vorgenommen hast, obwohl niemand sie verlangt.
Schreib abends auf, was ohne dich weitergelaufen ist. Die Liste ist nach einer Woche meist länger als erwartet und macht die nächste Streichung leichter.
Zum Nachdenken
- Wem gegenüber musst du gerade beweisen, dass es dir besser geht, als es dir geht?
- Welche Frist hast du dir selbst gesetzt und dann für unverrückbar gehalten?
- Was hieltest du für unverzichtbar und lief trotzdem ohne dich?