Zum Inhalt springen
Tao
Im Alltag

Trauer aushalten

Verlust lässt sich nicht abkürzen. Man kann ihn nur weich tragen statt hart.

Kapitel 76 beginnt mit dem Tod, ohne ihn zu erwähnen: Der Mensch kommt weich und schwach zur Welt, und wenn er stirbt, ist er hart und starr. Dasselbe bei den Pflanzen — lebendig zart, tot dürr. Das Buch behandelt das Sterben nicht als Betriebsstörung des Lebens, sondern als dessen andere Hälfte.

Kapitel 50 zählt nüchtern durch, wer den Weg zum Leben hin geht und wer den anderen, und nennt einen dritten Teil: die, die im Leben stehen und sich dabei auf den Ort des Todes zubewegen — weil sie ihr Leben steigern wollen.

Worum es geht

Trauer soll schnell gehen. Der Druck kommt von außen, wo man nach ein paar Wochen fragt, wie es denn wieder gehe, und von innen, wo man sich beim Nichtfunktionieren ertappt.

Die übliche Antwort darauf ist, hart zu werden: den Betrieb aufrechterhalten, sich zusammennehmen, weitermachen. Genau davor steht die Beobachtung aus Kapitel 76. Hart ist nicht die Verfassung der Lebenden.

Weich bleiben heißt hier nicht zusammenbrechen. Es heißt, die Trauer kommen und gehen zu lassen, wie sie kommt — in Wellen, ohne Reihenfolge, ohne Zeitplan. Sie hört nicht auf, weil man sie besiegt. Sie wird seltener.

Eine Übung für diese Woche

Eine Viertelstunde ohne Ablenkung. Nimm dir täglich fünfzehn Minuten, in denen du nichts tust, was ablenkt — kein Bildschirm, keine Musik, keine Aufgabe. Wenn Trauer kommt, ist sie da. Wenn sie nicht kommt, ist das auch in Ordnung.

Der zweite Teil ist der wichtigere: Außerhalb dieser Viertelstunde darfst du abgelenkt sein, ohne dich dafür zu verurteilen. Ablenkung ist keine Untreue. Sie ist die Pause, die das Weiche braucht, um weich zu bleiben.

Zum Nachdenken

  • Wovor schützt dich das Funktionieren gerade?
  • Wem gegenüber spielst du, dass es schon wieder geht?
  • Was würde sich ändern, wenn niemand fragte, wie lange das noch dauert?

Zugehörige Kapitel